Wenn ich den Begriff „Neue Welt“ höre, zieht sich bei mir etwas zusammen. Die heilsverkündende Phrase wird schon allzu lange allzu verkaufsorientiert gedroschen, als dass sie in mir etwas wie „Hoffnung“ oder „Zuversicht“ auslösen könnte.
Ruhig und eher nüchtern beobachte ich eine Entwicklung in der Welt, in der Menschheit.
Da ist zum einen die Polarisierung, die in einer Art und Weise mit Urteilen, Forderungen und Drohungen um sich greift, wie ich das in meinen Lebzeiten noch nicht gekannt habe. Allen Schwarz-Weiß-Aussagen gemeinsam ist, dass die Nutzer den Anschein geben, zu wissen, was falsch und richtig ist. Ich persönlich habe im Moment eher Hemmungen, etwas als „falsch“ oder „richtig“ zu beurteilen, weil mir immer mehr Wechselwirkungen und Zusammenhänge klar werden, die eine solche Vereinfachung und Zuweisung ad absurdum führen.
Denn da ist zum anderen die Verwässerung von Regeln, Prinzipien und Strukturen. Sie scheint der Einsicht zu entspringen, dass eine stehende Wahrheit, eine duale Ordnung von „falsch“ und „richtig“ zunehmend unglaubwürdig wird. Vielleicht ist das ja der Grund, dass so polarisiert wird – ein Symptom der Verwirrung, ein heilloser Versuch, doch noch zu erkennen, wo der „richtige“ Weg ist.
Polarisierung und Unsicherheit gehen einher mit der Zunahme von Gewalt – nicht nur in den großen, materiellen Dimensionen von Krieg und Terror, staatlichen Übergriffen und zivilem Ausscheren. Da ist auch im zwischenmenschlichen Miteinander, im Alltäglichen eine Gewalt, die die Freiheit des Einzelnen in Frage stellt oder erfolgreich unterbindet, die die Eigenart des Individuums nur dann leben lässt, wenn sie konform ist.
Alle gemeinsam erleben wir auch diese subtile Gewalt, unter dem sehr rissig gewordenen Deckmantel der „Demokratie“, die uns zwingt, staatliche Dienste oder die Dienste staatlich geschützter Monopole kaufen zu müssen, selbst wenn wir diese Dienste gar nicht haben wollen oder sogar als schädlich empfinden. Sei es der staatliche Rundfunk, sei es der Zwang zur Teilnahme an der Gesundheitsindustrie, seien es Abgaben für eine Politik, die demokratisch eben nicht legitimiert ist.
Die Ankerpunkte der Welt, wie wir sie kannten, sind Macht, Geld, Sicherheit und Bequemlichkeit. Kaum wer, der nicht um diese Größen kreist. Nach wie vor sind es Ausnahmen, die nicht versuchen, möglichst viel Geld für möglichst wenig Einsatz zu erheischen. Nach wie vor sind es Ausnahmen, die die Sicherheit der Angepasstheit verlassen und ihr Leben auf eigenes Risiko und in voller Verantwortung gestalten.
Und der Preis für das Verhalten der Mehrheit ist, dass die Menschheit fest im Griff derer ist, die gewaltbereit rein materiellen Interessen folgen.
Das ahrimanische Zeitalter ist angebrochen und eine von Abhängigkeit und Angst gelähmte Menschheit folgt in der Mehrheit dem Druck von oben. Wo ist die Neue Welt? Ist DAS die Neue Welt?
Eine Neue Menschheit
Nein. DAS ist nicht die Neue Welt, die so viel besungen und in den letzten Jahren in verschiedenen Varianten feilgeboten wurde.
Ein paar kleine Hinweise auf eine Neue Menschheit können wir an gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen, ohne in Phantasien abzuheben und so zu tun, als seien Gewalt und Gier Ebenen, die uns nichts angingen.
Immer mehr Menschen weigern sich, ihre Arbeitsfunktion zu erfüllen. Ob klar formuliert und eigenverantwortlich getragen oder via Dauerkrankschreibung und Frühverrentung: Die Bereitschaft, sich in konforme Leistungsbilder einzuzwängen nimmt ab. Mit ihr verschwindet aber auch ein moralisch-ethisches Grundgerüst an Produktivität, Mitverantwortung und Gemeinschaft.
Zudem nimmt das staatliche Abschöpfen zu: Die Werte, die durch den kollektiven Leistungswahn zu einem überbordenden Wohlstand geführt haben, werden durch steigende Zwangsabgaben, künstliche Monopole und staatliche Sanktionen wieder aus der Masse gezogen und über diffuse Kanäle wenigen Wirtschaftsindividuen zugeführt. Politik, steuerfinanzierte Verwaltung, Rechtsprechung und öffentliche Berichterstattung scheinen dies eher zu stützen als im Sinne der Gemeinschaft zu unterbinden.
Gleichzeitig entstehen immer mehr Lebensmodelle, in denen Konsum minimiert und Kreativität betont werden. Dabei spielen auch Themen, die sich nicht in rationale Denkmuster einordnen lassen, eine Rolle. Ob Blümchen-Esoterik, Schamanen-Drama oder asketische Wege der Innen- und Gottesschau: Die Hinwendung zu feinstofflichen und übergeordneten Zusammenhängen nimmt zu, die Suche nach den größeren Zusammenhängen ist eine kollektive Bewegung.
Auf diesem Weg zerfallen einst solidarisch oder demokratisch gedachte Gemeinschaften in ihre auf den eigenen Vorteil und ihr eigenes Wohlbefinden bedachte Einzelteile. Von „Gemeinschaft“ wird zwar viel geredet, aber wenig gelebt.
Zeichnet sich hier eine Neue Menschheit ab ? Sind Vereinzelung, Rückzug und Selbstfürsorge die Größen der Neuen Zeit ?
Pioniere – aber nicht Märtyrer
Und da gibt es noch Einzelne, denen der Balanceakt zwischen Ausbeutung und Befreiung, Unabhängigkeit und Solidarität, Polarisierung und lösungsorientiertem Diskurs zu gelingen scheint. Es sind die Pioniere, die ohne große Worte und auf eigene Kosten Wege finden, die ihnen Lebendigkeit erlauben. Und mit dieser Lebendigkeit ebnen sie Wege weg vom Konsum, weg von Systemabhängigkeit und Unterordnung, die Sinn machen auch für ihr Umfeld. Sie bewegen sich außerhalb der Sphäre des „Geldmachens“ und sind vollkommen desinteressiert an „gesellschaftlicher Bedeutung“. Wie alle anderen sind sie den Zwängen des Kollektivs unterworfen und irgendwie gelingt es ihnen, standzuhalten. Ihr „Lohn“ sind innige Momente mit ihren Mitwesen, ein kreatives Werk, das in die Tat umgesetzt ist, ein Geistesblitz, der Zusammenhänge greifbar macht.
Sie sind keine Märtyrer – sie stellen sich der tödlichen Walze des Ahriman nicht in grenzenloser Selbstüberschätzung entgegen. Nein, sie füttern ihn einfach nicht und sie wissen um die Größe, die Ahriman nicht erreichen kann, wenn wir es nicht erlauben.
Diese Menschen hüten das Kostbarste, was der Menschheit zur Verfügung steht: Die Seele.
Die Seele als unser „Draht zu Gott“, unser „Kanal für die Lebensenergie“, unsere „Verbindung zu allem, das ist“ ist gefährdet in einer Welt des kalten Intellekts und des radikalen Materialismus. Sie braucht Lebendigkeit, um uns führen und nähren zu können.
Und diese Lebendigkeit ist nicht käuflich, nicht buchbar, nicht organisierbar, nicht erstreitbar.
Seele gedeiht, wenn Mensch so frei ist, dass er dem Moment folgen kann. Seele wird wahrnehmbar, wenn weder Pläne noch Ziele den Blick verengen. Seele kommt zum Ausdruck, wenn der innere Impuls ergriffen wird, die innewohnende Schaffenskraft eingesetzt wird, um Seelenreiches zu gestalten und in die Welt zu bringen und Mitwesen zu beschenken.
Wie viele dieser Pioniere kennst Du ?
Menschsein – eine Neue Dimension
Wenn wir die Kräfte, die uns alle so erschrecken und einengen, näher untersuchen, stellen wir fest, dass sie nicht nur „da draußen“ in der Welt, bei den Mächtigen wirken, sondern auch in jedem von uns selbst. Es sind die Kräfte, die Angst brauchen, um zu leben, manchmal getarnt als Aggression und Stärke.
Und so, wie jeder einzelne Mensch für sich lernt, diese Kräfte in sich selbst zu meistern, so wird aus einer verwirrten und eingeschnürten Menschheit – Mensch für Mensch – eine Neue Gemeinschaft, die vertraut und glaubt und schöpft und schenkt. Nicht aus der Ignoranz heraus gegenüber den Schatten. Sondern als Ergebnis einer mutigen Befassung mit dem Thema „Angst“, dem Thema „Überleben“ auf materieller und immaterieller Ebene.
Wenn wir von Geld leben, das uns nicht freiwillig gegeben wurde, sondern uns zugeteilt wird aus Staatskassen, die mit Zwangsgeldern befüllt wurden, dann gehen wir mit einer anderen Energie um, als wenn unser Lebensunterhalt sich speist aus persönlichen Geschenken von Menschen, denen wir wirklich und persönlich dienen konnten. Wenn wir erkennen, dass „viel verdienen“ und „viel konsumieren“ die ahrimanischen Strukturen ganz unmittelbar stärken, dann überdenken wir diesen vermeintlichen Vorteil.
Vielleicht.
Und so wächst eine neue Verbindung zum Leben und zum Lebendigen.
Naturgemäß führt dies auch zu einer Reaktivierung der allumfassenden Verbindung zu Gott. Ganz gleich, wie wir „es“ nennen: Es hat keinen Namen. Kein Geschlecht. Keine Präferenzen. Es ist die ewige Lebensenergie, die unendliche Schöpfungskraft, die wir nur mit der Seele erkennen und in uns hereinlassen können.
Und um das Seelische zu stärken, das einzig in der Lage ist, dem rationalen Materialismus einen Ausgleich entgegenzusetzen, indem es das Lebendige nährt, braucht es die liebevolle Hinwendung. Eine Hinwendung, die sich nicht prostituiert – stattdessen still, sanft, und meist allein(e) wirkt. Eine Hinwendung, die so innig ist, dass Zeit und Kosten und Ergebnis keine Rolle spielen. Eine Hinwendung, die in die Tiefe des menschlichen Potenzials führt, Liebe in die Welt zu bringen.
Von alters her und in allen spirituellen Traditionen ergibt sich hier der Dreiklang von Studium, Übung und Reflexion. Das Studium eröffnet uns die Weisheit hunderter Generationen, wo und wie die Essenz zu finden ist und wie wir sie unterscheiden vom Schall und Rauch luziferischer Selbstüberhöhung. Die Übung – eine tägliche spirituelle Praxis – bringt die Weisheit in den Körper und damit auch in die Handlung. Die Selbstreflexion zeigt uns den Weg aus den Konditionierungen heraus, hinein in das Zentrum unserer Seele.
Wenn genügend Menschen Stille, Tiefe und seelengeführte Handlung wählen und sich bewusst gemacht haben, wo sie dem Ahrimanischen zutragen, wenn sie den Mut fassen, das zu unterlassen – und damit auch auf Macht, Geld, Sicherheit und Bequemlichkeit verzichten zugunsten einer beseelten Lebendigkeit – dann werden wir sie sehen, erleben, atmen, die Neue Menschheit.
