Vater Sonne

Die Altäre auf Aditi waren geschmückt, der Feuerplatz war vorbereitet, der Kreis versammelte sich in Stille, um den von der Sonnenfinsternis begleiteten Neumond zu empfangen.

Mit dem Löwentor entlädt sich die geballte Sonnenkraft auf der Erde, verbrennt alles, was noch nicht geerntet und heimgetragen ist, legt die trockene, ächzende Erde blank. In diesem regenlosen Sommer wird das besonders deutlich und es ist schwer, all das Licht, all die Hitze zu ertragen und doch darin die Lebenskraft selbst zu erkennen.

Bevor das Ritual begann, gab es einen kurzen Austausch: Der Kreis bestand zufällig nur aus Frauen. Frauen, die sich zum ersten Mal begegneten, jede ausgestattet mit einer Trommel. Und ohne, dass es irgendeine Absprache gegeben hätte, offenbarte sich bei der sehr knappen Vorstellungsrunde, dass jede dieser Frauen eine Vaterwunde trug. So ergab es sich von selbst, dass unser Ritual, unser Zeugnis zur Sonnenfinsternis am 12. August den Vätern gewidmet war.

Keineswegs in Klage, Schmerz oder Trauer. Sondern in uneingeschränkter Wertschätzung der Väter dieser Welt, unserer Väter, eine Huldigung und Verbindung mit den Männern, die den Mantel der Vaterschaft tragen.

Als die Trommeln begannen – zeitgleich mit der schlagartigen Verdunkelung der Sonne – war das Bild des eigenen Vaters bald im Hintergrund, so viele andere Männer, die Väter sind, reihten sich hinzu, die Energie der Vaterschaft breitete sich aus wie der Sonnenschatten.

Und mir wurde bewusst, was für eine unglaubliche Erwartung, was für ein übermenschlich großes Bild das Bild des Vaters in sich trägt – von Schutz, von Kraft, von Kontinuität, von Halt, von Präsenz, von Treue und Mut und der immerwährenden Fähigkeit, zu ernähren und zu tragen.

Tränen der Rührung, Tränen der Achtung und des Mitgefühls erfüllten mich, während die Trommel in stetem Rhythmus und doch spürbarem Crescendo klang.

Und dann sah ich das Werden der Vaterschaft: Die Liebe zu einer Frau, die Hingabe und Ekstase an Venus, an die Schönheit, an die Fülle, an die Weichheit. Mit der Liebe zu einer Frau, mit dem Verlangen, Sonne und Mond zu vereinigen, beginnt der Weg der Vaterschaft und er ist so erfüllt von Begeisterung, Lust und Kraft. Und dann verwandelt sich das Mysterium des Einen zu den Zweien und das Dritte kommt in hinzu. Der Augenblick der Nachricht. Der Moment der Ankündigung, dass der Liebhaber zum Vater wird. Und auch hier sehe ich das freudige Männerherz sich ausdehnen und strahlen – verbunden mit diesem Moment, in dem das große Bild der Vaterschaft die Männerseele erreicht. Es tritt ins Bewusstsein eine archaische Kraft, ein Bild und ein Befehl, der groß ist, der ehrfürchtig machen kann und auch erschrecken. Doch die Lebenskraft treibt ihn voran, leitet ihn entlang der Schutzbedürftigkeit der werdenden Familie, leitet ihn entlang den Erfordernissen der Welt, die ihn einnehmen in seiner Vaterrolle. Und dann kann so vieles passieren. Nie habe ich einen Mann gesehen, der sich gleich und ganz weigert oder entzieht. Vielmehr sah ich unzählige Männer, die unter der Last, es „richtig“ machen zu wollen, versteinerten, zerbrachen, ihre Kraft einbüßten. So viele Vatertränen, die vor lauter Ernähren-Müssen auf das Spiel mit dem Kind verzichten mussten. Und so vielen Vätern habe ich gelauscht, die sich verzehrten nach ihrer Geliebten, die nun Mutter war. Männer, die in der Sehnsucht nach der Frau, die sie liebten, nun einem Kind gegenüberstanden, das so viel brauchte.

Und während die Sonnenfinsternis über Aditi sich vertiefte und ich beobachtete, wie gleißend helle Lichtwege Aditi über den Schatten hielten und die Energielinien des Berges sichtbar machten, kamen die Bilder von Krieg und Gewalt und Territorium und Besitz. Versteinerte Männer, Väter, kämpfend. Es kamen die Bilder von enttäuschten Frauen, von verletzten Kindern, von streitenden Paaren und isolierten Männern.
Die Trommel änderte den Rhythmus, eine Frau im Kreis begann in Wellenformen zu tanzen, eine andere stand reglos, und die Trommeln klangen.

Und dann sah ich – vage und noch durch die Nebel der Zeit hindurch – den Vater, wie er zugleich Krieger, Junge, Liebhaber, Weiser ist. Ich sah, wie er in seiner Vielheit sich befreite von dem schweren, allmächtigen Mantel des Vaters, ihn einfach abstreifte, mit dem Kind auf der Schulter, das Kind absetzte, die zeternde Mutter nahm und in den Tanz riss und sie so wieder zur Geliebten machte. Ich sah, wie sie ihm verschmitzt zulächelte und das Kind seiner Wege ging, Beeren sammelte. Ich sah, wie er allein in die Wälder lief, voller Tatendrang und frei von jeder Verantwortung, beseelt, dem Abenteuer zu begegnen. Ich sah, wie die Frau ihr Werkzeug griff und ein wundervolles Haus baute. In aller Ruhe. Alleine. Und wie sie dann sich auf das Pferd schwang und in wildem Galopp über die Felder jagte.

Das Feuer vor uns prasselte, hatte uns Licht geschenkt und Wärme über die ganze Zeit des Rituals. Kind der Sonne. Die Zikaden und die Vögel geleiteten die letzten Sonnenstrahlen in die Neumondnacht hinein. Es war Frieden. Frieden auf Erden.