Seit vier Jahrzehnten gehören Gebet, Meditation, Naturrituale zu meinem Leben. Mein Alltag ist angefüllt mit der Liebe zur Schöpfung, während ich den schweren Lehmboden bepflanze, die Obstbäume pflege, die Kräuteressenzen destilliere und in den kleinen Lücken mit Menschen interagiere, die diese Kraft in ihr Leben rufen wollen.
Seit drei Jahrzehnten führe ich Menschen in das Wunder dieser Schöpfung, begleite sie im Medizinrad zu ihren Ahnen, leite sie an, Kontakt mit den Naturwesen aufzunehmen, nehme sie mit in die Andacht, um Gott zu erfahren. Denn nichts von all der Schönheit, die unsere Sinne wahrnehmen, könnte sein ohne den göttlichen Funken, ohne den Atem des Lebens und ohne das harmonische Weben all der Wesen und Erscheinungen.
Viele, viele Menschen sind meinen Anleitungen gefolgt, den Pflanzen-Devas zu begegnen, Frieden mit den Ahnen zu machen, die Stille des Yoga und den Klang der Stimme als „Fahrzeug“ in die Unendlichkeit einzusetzen.
Und ich habe die Menschen beobachtet: Manche haben für sich festgestellt, dass „nichts passiert“. Manche waren für den Moment des gemeinsamen Wirkens verzaubert und erhoben und haben dieser Erfahrung mit sich getragen, um weiter zu forschen, zu üben und zu entdecken. Sehr, sehr wenige haben tatsächlich die Liebe, die innige Verschmelzung aus sich selbst hervorgebracht, die der eigentliche Sinn dieser Gesten, Klänge und Abläufe ist.
Und wenn dies geschieht, dann sind wir vom Heiligen durchdrungen.
Das ist der Zustand, der heilt und heil ist und uns daran erinnert, dass wir aus dieser Kraft entstammen.
Alle Rituale, alle Methoden sind vergebens, wenn sie nicht mit Seele gefüllt sind
Was wir mit all den „esoterischen“ Handlungen – von Yoga über Kakaozeremonie bis Schwitzhütte – bewirken könnten, bleibt plumpe Form, solange die Handlungen nicht aus unserer Seele und aus unserer Liebe entspringen.
Denn die Intention all dieser wertvollen Traditionen ist, in Kontakt mit der Feinstofflichen Welt oder gar mit der Schöpfung zu gehen. Doch Kontakt ist nur möglich – auch zwischen Menschen – wenn wir selbst bereits in der Schwingung von Liebe sind. Es ist diese Schwingung, die über unsere Erscheinungsform, über unsere Identifikation hinausreicht und das Umgebende berühren kann mit dieser Schwingung.
Eine Beziehung einzugehen in der Hoffnung, dadurch in die Liebe, dadurch in Kontakt, Verbundenheit und Geborgenheit zu gelangen, ist aussichtslos. Denn wir bringen in uns selbst nicht die Voraussetzungen mit, diese Resonanz zu erzeugen.
Die Seminar-Nomaden und Kauf-Schamaninnen scheinen es nicht zu bemerken. Immer weiter konsumieren sie die Formen des Heiligen – ohne sich selbst heil zu machen.
Wer sich in der Tiefe mit dem Mysterium der Heilung befasst hat weiß: Kein Arzt, kein Medikament, keine Zauberformel bringt die Heilung in ein geschlossenes Gefäß. Heilung kann nur dann geschehen, wenn wir selbst uns wenigstens geöffnet haben, wenn wir alle Angst und alle Skepsis und alle Forderung abgelegt haben und uns wirklich hingeben.
Diese Mindestvoraussetzung, um das Heilige zu berühren, ist nicht käuflich und nicht übertragbar. Niemand kann das für uns machen. Und niemand kann uns dabei unterstützen. Denn jede Darreichung prallt ab an der harten Mauer des Urteils, der Erwartung und des empfundenen Mangels.
Das ist eine erschütternde Einsicht – sowohl für die, die Heilung suchen, als auch für die, die Heilung verkaufen oder verschenken.
Doch ganz ohne Hoffnung ist diese Einsicht nicht. Denn:
Was kann ein Mensch tun, der die Liebe in sich selbst nicht mehr erwecken kann ?
Es ist ja eher das Normale und nicht die Ausnahme, dass ein Mensch seine Seele nicht mehr hört, dass ein Mensch Liebe nicht aus sich herausfließen spürt. Wie viele Menschen kennst Du, die in die Welt fließen, die „willenlos“ im ewigen Werden und Vergehen schwingen ?
Eine ausgesprochene Minderheit ist das. Fast möchte ich sagen: Wenn Du in deinem ganzen Leben nur einem einzigen Menschen in dieser Verfassung begegnet bist, dann hast Du Glück gehabt, dann ist Dir etwas Außerordentliches begegnet.
Vor allem weißt Du dann aus Erleben, wie es sich anfühlt.
Das ist schon einmal ein guter Ausgangspunkt, um die Liebe in Dir selbst wiederzuerwecken.
Aber wie geht das ?
Wie ich oben schon erwähnte, ist das Mindeste – und alles – was wir tun können, das Gefäß zu öffnen. Deswegen ist das Wort „Loslassen“ so sehr in Umlauf – obwohl es selten wirklich begriffen wird.
Es gibt ein resignierendes Loslassen. Ein Loslassen, weil etwas nicht mehr haltbar ist. Diese Erfahrung ist in der Regel eine Erfahrung von Verlust, die zwangsläufig in Mangel führt. Wo Mangel ist, kann keine Liebe sein.
Doch es gibt auch ein jubilierendes Loslassen. Es gibt diesen Sprung ins Unbekannte, diese brennende Sehnsucht nach Vereinigung und Erweiterung, die es uns ermöglicht, die Mauern fallen zu lassen und uns empfänglich zu machen für die Kraft, die alles heilt, alles hervorbringt, alles aufnimmt.
Und in dem Moment, in dem wir ihrer gewahr werden – oder wenigstens uns vage erinnern -und in tiefem Vertrauen in diese Kraft „springen“, wird sie uns ergreifen und erfüllen.
Sie wird das Licht unserer Seele neu entzünden, sie wird uns in einen Zustand führen, der nichts als Dankbarkeit, nichts als Verzückung und Fülle ist.
Und wenn wir hier sind, wenn wir den Zustand der vollkommenen Hingabe aus Dankbarkeit und Freude halten können, werden wir auch im alltäglichen Leben so geführt, dass wir keinen Schaden anrichten und selbst behütet und bestens versorgt sind.
Das ist doch eine gute Aussicht, nicht ?
